Bahnhöfe sind die Visitenkarte der SBB
Beatrice Bichsel ist Mitglied der Konzernleitung und Leiterin SBB Immobilien. Im Gespräch erklärt sie, welche Bedeutung das Immobilienportfolio für die SBB hat, was sie von strategischen Partnerschaften erwartet und warum beim Betrieb von Bahnhöfen eine verbindliche und verlässliche Zusammenarbeit entscheidend ist.
Beatrice Bichsel (44) ist seit 2023 Mitglied der Konzernleitung und Leiterin SBB Immobilien. Die Rechtsanwältin mit einem Executive MBA der Universität St. Gallen arbeitet seit 2011 bei SBB Immobilien, zuletzt als Leiterin Facility Management.
Beatrice Bichsel, was fasziniert Sie an der SBB?
Die Bahn in der Schweiz ist ein komplexes System und die SBB ein spannendes und sehr vielfältiges Unternehmen. Mir gefällt, wie bei SBB Immobilien Mobilität und Raumentwicklung ineinandergreifen: Täglich verkehren Tausende Züge pünktlich und eng getaktet. Die Bahnhöfe liegen im Herzen der Städte, sind zentrale Begegnungsorte und Drehscheiben des täglichen Lebens. Dieses Zusammenspiel ist einzigartig und faszinierend.
Wie sieht Ihr Verantwortungsbereich aus?
Ich bin Mitglied der Konzernleitung und als Leiterin Immobilien für das Immobilienportfolio der SBB verantwortlich. Es unterteilt sich in drei Bereiche: die Bahnhöfe, die betrieblich genutzten Gebäude wie Werkstätten, Büros oder Sozialräume, und die Areale rund um die Bahnhöfe.
Was steht bei der Arealentwicklung konkret im Fokus?
Unsere Arealentwicklungen verbinden die Mobilität mit der Stadt- und Raumplanung. Wir lenken Verkehrsströme, optimieren Umsteigewege und schaffen neue Lebensräume. Dabei arbeiten wir sehr eng mit Städten und Gemeinden zusammen.
Wie gross ist das Immobilienportfolio der SBB?
Wir betreuen schweizweit rund 2’600 Gebäude, wovon 800 Bahnhöfe und Haltestellen sind. Hinzu kommen rund 150 Anlageprojekte in Planung oder Bau.
Gibt es ein Gebäude, das Ihnen besonders gefällt?
Bahnhöfe faszinieren mich grundsätzlich. Es gibt in jeder Region architektonisch spannende, teilweise denkmalgeschützte Bauten, die hohe Anforderungen an Planung und Betrieb stellen. Mir gefällt zum Beispiel der Bahnhof Luzern, gerade im Sonnenlicht, direkt am See, mit seiner offenen Architektur..
Welchen Stellenwert hat das Immobilienportfolio für die SBB?
Einen sehr hohen Stellenwert. Bahnhöfe prägen den ersten Eindruck bei unseren Kundinnen und Kunden, sie sind Eingangstore zur Bahn und somit die Visitenkarte der SBB. Die Betriebsobjekte dienen den Mitarbeitenden: Sie sollen sich wohlfühlen und ihre Arbeit professionell und effizient erledigen können.
Und die Bahnhöfe und Anlageobjekte liefern einen wichtigen finanziellen Beitrag: Jeder verdiente Franken bleibt im Bahnsystem. Wir leisten jährlich Ausgleichszahlungen in der Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags an die Infrastruktur und tragen zur finanziellen Stabilität der SBB bei.
Wie stellen Sie einen nachhaltigen und effizienten Betrieb Ihres Portfolios sicher?
Ein wichtiger Faktor liegt in der frühen Einbindung des Facility Managements. Bereits bei der Planung müssen Betrieb, Instandhaltung und Nachhaltigkeit konsequent mitgedacht werden. Nachhaltigkeit ist für uns in drei Dimensionen zentral: ökologisch, wirtschaftlich und sozial.
Die SBB als Ganzes hat das Ziel, die betrieblichen Treibhausgasemissionen gegenüber dem Basisjahr 2018 bis 2030 um 60 Prozent zu reduzieren, bis 2040 wollen wir Netto-Null sein. Der Gebäudebetrieb leistet hier einen sehr wichtigen Beitrag. So ersetzen wir zum Beispiel konsequent Öl- und Gasheizungen und modernisieren jährlich rund 75 Anlagen.
«Bahnhöfe sind zentrale Begegnungsorte und Drehscheiben des täglichen Lebens.» Beatrice Bichsel, Mitglied Konzernleitung und Leiterin SBB Immobilien
Wie wichtig sind verlässliche und verbindliche Facility-Management-Partner für die SBB?
Verlässliche Partner sind zentral. Sie erbringen wichtige Leistungen für unsere Kundinnen und Kunden und unsere Mitarbeitenden. Vor einigen Jahren haben wir die Wertschöpfungskette überprüft und uns dafür entschieden, in den 120 Bahnhöfen mit den grössten Kundenfrequenzen auf eigenes Personal zu setzen. Überall dort, wo wir glauben, dass Dritte diese komplexen Aufgaben effizienter erfüllen können als wir, setzen wir auf externe Dienstleister. Dabei sind uns Professionalität, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Sicherheitskompetenz wichtig.
Was erwarten Sie von einem FM-Partner?
Entscheidend sind Qualität, ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis und Lösungsorientierung. Wir schätzen Partner, die Verantwortung übernehmen, Probleme offen ansprechen und gemeinsam mit uns Lösungen entwickeln. Wir sind stets froh um Vorschläge und erwarten, dass unsere Partner mit Ideen kommen, wie wir unsere Prozesse verbessern können. Solche Partnerschaften wie mit ISS bilden die Grundlage für einen sicheren, sauberen und reibungslos funktionierenden Bahnhofsbetrieb.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Immobilienbewirtschaftung?
Sie ist zentral. Wir haben unsere Systemlandschaft erneuert und damit eine verlässliche Datenbasis für unsere Geschäftstätigkeit geschaffen. Wir haben eine CRM- und Mieterplattform aufgebaut und treiben den Einsatz von BIM* voran – von der Planung bis zum Betrieb. BIM liefert uns eine durchgängige, digitale Gebäudedokumentation. Wir verfügen damit früh über qualitativ hochwertige Daten, können den Betrieb besser vorbereiten und Prozesse effizienter gestalten.
*BIM (Building Information Modeling) ist eine digitale Arbeitsmethode, bei der alle Beteiligten an einem gemeinsamen, intelligenten 3D-Gebäudemodell arbeiten. Das Modell enthält Bauteil-Infos zu Material, Kosten, Terminen und Wartung – von Planung über Bau bis zum Betrieb.
Wie sieht es in Bezug auf Robotik an Bahnhöfen aus?
Wir testen laufend neue Technologien. Wir stellen aber fest, dass im lebendigen Bahnhofalltag Menschen unseren Leistungen ein Gesicht geben, dass sie flexibel reagieren können und derzeit auch effizienter sind als Reinigungsroboter. Unsere Bahnhöfe sind für Robotik derzeit zu komplex und einfach zu stark frequentiert. Potenzial sehen wir aber bei der Fassadenreinigung oder in Bereichen mit eingeschränktem Zugang. Wichtig ist: Technologie soll unterstützen. Die Menschen bleiben zentral.
Welche drei Dinge würden Ihnen die Arbeit erleichtern?
Ich wünsche mir wieder mehr Pragmatismus bei Planungs- und Bewilligungsverfahren, denn zehn Jahre und mehr, um ein Areal einzuzonen, sind schlicht zu lang. Von der FM-Branche wünsche ich mir eine noch stärkere Kundenorientierung, vergleichbar mit jener in der Hotellerie. Und drittens liegt mir die Wertschätzung der Gesellschaft für die operativen Berufe sehr am Herzen. Die Arbeit dieser Menschen ist unverzichtbar für unseren Alltag, das sollte stärker anerkannt werden.